Marktvolumen und Marktpotenzial berechnen
Eine Marktzahl ohne Definition ist eine Behauptung. Marktvolumen ist der Absatz oder Umsatz, den alle Anbieter*Innen in einem abgegrenzten Markt in einer Periode wirklich realisiert haben. Marktpotenzial ist die Obergrenze: die maximal mögliche Nachfrage bei vorhandener Kaufkraft.
Die Formeln sind kurz.
Marktvolumen = Anzahl der KäuferInnen × Menge pro KäuferIn × Preis
Marktpotenzial = Anzahl potenzieller Käufer*Innen × durchschnittlicher Bedarf
Was im Investment Committee oder im Kreditgespräch scheitert, ist selten die Multiplikation, sondern die Grenze: Wer zählt als Käufer*In, welches Produkt, welche Region, welches Jahr, Menge oder Euro. Ohne diese fünf Angaben ist 53,6 Millionen Euro dieselbe Qualität wie "der Markt ist groß".
Unten steht die Rechnung für einen konkreten Markt, mit Quellentyp pro Zeile und zwei Gegenproben. Wer sie nicht drei Tage lang aus Destatis, Verbands-Excel und Geschäftsberichten zusammenziehen will, findet am Ende den Weg über Researchly: Top-Down und Bottom-Up mit Quellen in einem Workflow.
Was ist Marktvolumen?
Marktvolumen ist die in einer Planperiode tatsächlich realisierte Menge (Absatz) oder der realisierte Wert (Umsatz) einer Produktgruppe auf einem definierten Markt. So steht es im Gabler Wirtschaftslexikon. Es ist eine Ist-Größe, in der Regel kleiner als das Marktpotenzial, und die Bezugsbasis für den Marktanteil.
Die Abgrenzung entscheidet, ob die Zahl überhaupt vergleichbar ist. Ein Marktvolumen ohne Produkt, Region und Zeitraum ist eine Branchenlegende, keine Kennzahl.
Für Gütermärkte hilft die Mengenrechnung aus der volkswirtschaftlichen Identität: Produktion plus Importe minus Exporte. Das ist der Inlandsabsatz zu Herstellerpreisen (apparent consumption), ein Proxy für das inländische Marktvolumen, nicht die Definition. Ein Volumen zu Endkundenpreisen, inklusive Handelsspanne, ist eine andere Zahl. Die Identität hilft bei Maschinen, Chemikalien, Lebensmitteln. Bei SaaS und Dienstleistungen gibt es keine Zollstatistik, die denselben Dienst tut.
Zwei Einheiten, die man nicht mischen darf:
- Mengenmäßig: Stück, Lizenzen, installierte Anlagen, laufende Verträge.
- Wertmäßig: Euro Umsatz, oft Jahresumsatz oder ARR.
Ein Markt kann 12.000 Anlagen und 11,8 Millionen Euro Volumen haben. Wer "das Volumen" sagt, ohne die Einheit zu nennen, rechnet später den Anteil an der falschen Größe. Volumen kann Menge oder Wert sein, sobald die Einheit festliegt. "Marktgröße" ist daneben kein dritter Fachbegriff.
Was ist Marktpotenzial?
Marktpotenzial ist die Aufnahmefähigkeit eines Marktes: die Gesamtheit möglicher Absatzmengen für ein Produkt oder eine Kategorie, und damit die obere Grenze für das Marktvolumen. Das ist die Gabler-Definition. Meffert, Burmann und Kirchgeorg schreiben dieselbe Beziehung als Gleichung: Marktpotenzial = Marktvolumen + nicht ausgeschöpftes Volumen.
Potenzial ist kaufkraftgestützt. Jemand, der das Produkt braucht, aber nicht zahlen kann, gehört nicht ins Potenzial. Die Verwechslung ist in Klausuren harmlos und in einem IC teuer, weil sie das Maximum nach oben zieht, ohne dass ein Euro mehr fließt.
Zwei Nachbarbegriffe, die oft mit Potenzial verwechselt werden:
Absatzpotenzial ist der maximal mögliche Absatz eines Unternehmens. Umsatzpotenzial ist dasselbe in Euro, oder das Marktpotenzial mal Preis, je nachdem, ob man vom Markt oder vom eigenen Vertrieb spricht. "Was unser Vertrieb maximal schafft" ist Absatzpotenzial, nicht Marktpotenzial. Ein Pitch, der beide gleichsetzt, behauptet den Markt als eigenen Planumsatz.
Was ist der Unterschied zwischen Marktvolumen und Marktpotenzial?
Marktvolumen ist der Ist-Zustand des Marktes. Marktpotenzial ist das Maximum unter den gesetzten Annahmen. Die Differenz ist der Wachstumsspielraum, den der Markt als Ganzes noch hat, nicht der, den ein einzelnes Unternehmen sich nehmen kann.
| Kennzahl | Fragt | Typ | Einheit |
|---|---|---|---|
| Marktpotenzial | Was wäre bei voller Ausschöpfung möglich? | Obergrenze | Menge oder Euro |
| Marktvolumen | Was wird in der Periode wirklich gekauft? | Ist | dieselbe Einheit |
| Marktsättigung | Wie nah liegt das Volumen am Potenzial? | Verhältnis | Prozent |
| Marktanteil | Welchen Teil des Volumens macht das eigene Unternehmen? | abgeleitet | Prozent vom Volumen |
| Absatzpotenzial | Was kann dieses Unternehmen maximal verkaufen? | unternehmensbezogen | Menge oder Euro |
Solange Volumen unter Potenzial liegt, ist der Markt nicht gesättigt. Ob das unausgeschöpfte Stück für Sie erreichbar ist, hängt von Vertrieb, Produktfit und Wechselkosten ab, nicht von der Marktzahl. Dafür braucht man später TAM, SAM und SOM. Zuerst muss die Zahl stimmen, unabhängig vom eigenen Angebot.
Wie lautet die Marktvolumen-Formel?
Die Marktvolumen-Formel lautet: Anzahl der KäuferInnen × Menge pro KäuferIn × Preis.
Marktvolumen = Anzahl der KäuferInnen × Menge pro KäuferIn × Preis
In B2B ist "Menge" oft keine Stückzahl pro Einkauf, sondern ein Ersatzzyklus oder eine Kauffrequenz. Predictive Maintenance wird jährlich lizenziert, eine CNC-Maschine alle zwölf Jahre ersetzt, ein Beratungsmandat alle 18 Monate neu vergeben. Die Formel bleibt, der Inhalt der Klammern ändert sich.
Marktvolumen (B2B, wiederkehrend) = aktuelle Käufer*Innen × durchschnittlicher Jahresumsatz
Marktvolumen (Ersatzbedarf) = installierte Basis × (1 / Ersatzzyklus in Jahren) × Preis
Die Ersatzbedarfsformel unterstellt eine gleichmäßige Altersverteilung der Flotte und eine statische installierte Basis. Wo der Park wächst oder ein Investitionszyklus nachholt, liegt der tatsächliche Ersatz daneben.
Die fünf Angaben stehen vor jeder Multiplikation:
- Wer kauft? Nicht die WZ-Klasse, sondern die Aktivität: Betriebe mit CNC-Park, nicht "Maschinenbau" als Sammelposten.
- Was wird gekauft? Predictive-Maintenance-Software, nicht "Industrial Software".
- Wo? Deutschland, DACH, EU. Der Vertriebsradius, nicht die Produktionsstatistik.
- Wie viel? ARR, Auftragswert, Stück. Eine Einheit, durchgehalten.
- Wann? Kalenderjahr 2025 ist nicht "aktuell", wenn die letzten Verbandszahlen 2023 sind.
Ohne diese fünf Angaben ist die Formel korrekt und die Zahl trotzdem falsch. Die zweite Methode, vor allem in Industrie und Handel, addiert die Umsätze der Anbieter*Innen im definierten Markt. Das ist keine andere Definition, sondern eine andere Messung desselben Ist. Beide müssen in derselben Einheit landen.


